Wenn Michele Tartaria seine Runde durch Candidoni dreht, nach dem Mittagessen oder vor der Abendruhe, sieht er zwei verschiedene Dörfer. Das eine liegt wie ausgestorben vor ihm. Still ruhen die Straßen, kein Mensch zu sehen, kaum eine Stimme zu hören, die Fensterläden geschlossen – manche, um die Hitze auszusperren, mehr noch, weil seit Jahren niemand mehr da ist, der sie öffnen könnte.
Michele mag diese Ruhe.
Das andere Dorf sieht Michele in seinen Erinnerungen. Wenn er an seine Kindheit denkt, wird Candidoni lebendig, die Menschen, die prägenden Momente. In den 1950er- und 60er-Jahren pulsierte das Dorf im Westen von Kalabrien, an Italiens Stiefelspitze. Die Männer arbeiteten als Maurer, Schreiner, Schneider, Schäfer, in der Landwirtschaft. Die Frauen führten den Haushalt und halfen bei der Ernte. Die Kinder, oft fünf, sechs, sieben…